Allgemein

20

Mai

2016

Kirchen erfinden sich neu

Anmerkungen zum Besuch der Kirchenoberhäupter auf Lesbos

von Rupert Graf Strachwitz[1]

Auf den ersten Blick erscheint es unsinnig zu behaupten, Kirchen würden sich neu erfinden. Sie sind – besser, das Christentum ist – die Stiftung Jesu Christi: Von ihm hängen alle christlichen Gemeinschaften ab wie jede Stiftung von ihrem Stifter. Besonders die katholische Kirche betont immer wieder, welch hohen Rang die gewachsenen Traditionen der 2000 Jahre alten Kirche für sie haben. Und so reiben sich Katholiken die Augen, wenn sie Papst Franziskus in Aktion beobachten. Beim Reiben der Augen bleibt es nicht. In konservativen Kreisen kursiert der Spruch: „Dies ist nicht unser Papst.“ Für die meisten Katholiken allerdings ist er das mehr als seine Vorgänger, und nicht nur für sie. Jahrhundertelang überzogen sich die Häupter der Ost- und der Westkirche mit Bannbullen. Es ist gerade 50 Jahre her, daß Papst Paul VI. erstmals den Patriarchen von Konstantinopel besuchte. Solches ist inzwischen in beiden Richtungen ständige Übung geworden. Aber wer hätte noch vor wenigen Jahren gedacht, daß Patriarch und Papst und das Oberhaupt der lange für ihre anti-römische Haltung bekannten orthodoxen Kirche in Griechenland zusammen in Lesbos unter den muslimischen und christlichen geflüchteten Menschen stehen, mit ihnen sprechen und gemeinsam, in der modernen Form der Erklärung, den Bannstrahl gegen die europäischen Regierungen schleudern würden, die sich ihrer nur ungenügend annehmen? Gegen die Regierungen, die die Werte des Abendlandes beschwören, die angeblich christlich geprägt sind?

 

Die Einheit der christlichen Kirche hat es nie gegeben. Schon die Apostel stritten mit Paulus darüber, was Jesus gemeint haben könnte. Die Kirchen des Protestantismus sind ein Beispiel dafür, wie neue Konzepte von der Ordnung dieser Welt auch auf die religiösen Gemeinschaften ausstrahlen und neue Überlegungen dazu provozieren. Seit dem 20. Jahrhundert wird im Bewußtsein, daß nicht nur die Menschen zu einer Weltgesellschaft zusammenwachsen, sondern auch daß ein Krieg die Erde auslöschen kann, zu Recht und noch viel stärker darüber nachgedacht, daß nicht der Besitz der Wahrheit, sondern die Suche nach ihr den Wesenskern von Religion darstellt und daß schon deshalb Berührungsängste unter Christen, ebenso aber auch mit Muslimen, Juden und Buddhisten keinen Sinn ergeben – von Kriegen um der Religion willen ganz zu schweigen. Daß es in jeder Religionsgemeinschaft noch immer Menschen gibt, die das nicht wahrhaben wollen, die sich nicht nur im alleinigen Besitz der Wahrheit wähnen, sondern diese auch noch mit einem politischen Machtkonzept verknüpfen und mit militärischen Mitteln durchzusetzen versuchen, ändert nichts daran, daß sie aus der Zeit gefallen sind. Es ist eben nicht so, wie gelegentlich behauptet wird, daß eine aggressive Religion in manchen Weltgegenden auf dem Vormarsch oder daß der in Europa mühsam erkämpfte säkulare Staat in der Defensive ist. Was wir erleben, sind Rückzugsgefechte gegen die ebenso notwendige wie vollständige Neubestimmung der Grundsätze des Zusammenlebens der Menschen. Diese entspringen der Angst vor dem Neuen, aber auch davor, daß die Hüter der überkommenen Ordnung, ob nun Autokraten oder demokratisch gewählte Regierungen, den Übergang nicht schaffen könnten. Das werden sie auch nicht – jedenfalls nicht allein. Denn wir erleben auch, daß der moderne Staat bei der Gestaltung einer neuen Ordnung versagt. Die globale Welt des 21. Jahrhunderts entsteht vielmehr in einem Zusammenspiel neuer Art von zahlreichen gleichrangigen und sehr verschiedenen Akteuren.

 

In dieser Situation können sich Religionsgemeinschaften mit den Ängstlichen oder mit den Neuerern positionieren. Jene finden sich vielfach in den herrschenden Eliten, den Verwaltungen, im „politisch-administrativen System“. Diese hingegen sind eher unter den Akteuren der Zivilgesellschaft anzutreffen, die zwar vielfach auch Mißstände anprangern, noch häufiger aber an konstruktiven Lösungen arbeiten. Die kleinen Pflanzen, die sie an den grass roots einsetzen, beginnen, sich zu entfalten und Frucht zu tragen. Es steht gewiß nicht alles zum besten in dieser Welt, und die Herausforderungen, denen wir mit Lösungen begegnen müssen, übersteigen vielfach in ihrer Tragweite unsere Vorstellungskraft. Aber immer wieder wird auch Hoffnung erkennbar. Manches an Verletzungen von Menschenwürde, Korruption, Schädigung anderer Menschen und Respektlosigkeit, das noch vor wenigen Jahren weithin akzeptabel war, ist es heute nicht mehr. Zumindest findet sich meist recht schnell ein zivilgesellschaftlicher Akteur, der darauf hinweist. Und immer häufiger sind die Verwalter der Ordnung darauf angewiesen, mit solchen Akteuren zusammenzuarbeiten, um konkrete Lösungen anbieten oder Maßnahmen ergreifen zu können. Noch vor wenigen Jahren wurde Zivilgesellschaft gern mit Anführungsstrichen geschrieben, Ausdruck der Herablassung und Geringschätzung. Die Betreuung von einer Million geflüchteter Menschen hat dem in Deutschland erst einmal ein Ende gemacht.

 

Zu den sichtbaren und hörbaren Akteuren gehören schon immer Menschen mit religiöser Motivation. Inzwischen gehören immer häufiger die Kirchen und andere Religionsgemeinschaften selbst dazu. Sie schlagen sich auf die Seite der Neuerer. Kirchenasyl ist beispielsweise aktuell. Die Bischöfe, lange Zeit Stützen des Systems, stellen sich schützend vor ihre Pfarrer – auch gegen einen Bundesfinanzminister, der davon spricht, die Kirchen seien doch vor allem für „Seelsorge, Gebet und Liturgie“ zuständig. „Fromm zu sein, heißt politisch zu sein“, schleudert ihm Bischof Bedford-Strohm, Ratsvorsitzender der EKD, entgegen.

 

Die Religionsgemeinschaften, so scheint es, sind auf dem Weg in die Zivilgesellschaft – und schon ziemlich weit vorangekommen: eine Neuerfindung fürwahr, nach 1.700 Jahren als anerkannte Ordnungsmacht. Zu messen ist dies immer weniger an ihrem formalen Status und immer mehr an ihrem Selbstverständnis. Es geht ihnen nicht mehr um eine zu erkämpfende Einheit, auch nicht mehr darum, die letzten Getreuen um sich zu scharen, sondern um das respektvolle Einbringen von spezifischen wichtigen Einsichten und Stärken in die ebenso spannenden wie komplizierten Gestaltungsprozesse einer Ordnung, die für das 21. Jahrhundert nach Christus taugt. Dies fordert auch denen Respekt ab, die der Kirche mit Distanz begegnen, durchaus religiös sind, aber sich in den traditionellen Kirchen nicht aufgehoben fühlen, und denen, die, wie Max Weber (1909) und später Jürgen Habermas es ausdrückten, „religiös absolut unmusikalisch“ sind. In einem zivilgesellschaftlichen Kontext erscheint ihre Wächterrolle in ethischen Grundfragen nicht mehr anmaßend, sondern als Ausdruck eines legitimen subjektiven Gemeinwohlverständnisses.

 

60 Millionen Menschen, die weltweit auf der Flucht sind, lehren uns vieles, unter anderem, wie leicht es ist, Werte wie Freiheit und Zustände wie Wohlstand miteinander zu verquicken. Menschenwürde als universales Prinzip, Respekt als Grundhaltung auch dort durchzusetzen, wo weder Freiheit noch Wohlstand zu finden sind, erscheint viel schwieriger. Das zu schaffen, kann nur mit einer starken Zivilgesellschaft gelingen, die ihre spezifische Gestaltungsmacht einsetzt. Es ist gut, wenn die Kirchen dabei sind; mit ihnen wird die Zivilgesellschaft nicht legitimer, als sie ohnehin schon ist, aber stärker. Kirchen haben in diesem Kontext eine Botschaft.

 

In der evangelischen Kirche ist schon seit einiger Zeit eine Diskussion darüber im Gange, inwieweit die Kirche eine Anstalt oder eine Vereinigung darstellt, sie also hierarchisch oder heterarchisch zu verstehen ist – ein weiter Weg von Luthers Staatskirchenverständnis. Von den Katholiken, die bisher ihre Papst- oder Kirchentreue stets und lautstark betonten, wird ein Umdenken eingefordert. Einer zivilgesellschaftlichen Organisation ist gewiß nicht vorzuschreiben, wie sie nach innen strukturiert ist. Die römische Kirche kann ebenso dazu gehören wie eine ganz von den Mitgliedern her bestimmte Glaubensgemeinschaft. Sie kann und wird wohl künftig zivilgesellschaftlich agieren. Wer mit Überzeugung katholisch ist, wird die Führung durch den Papst auch dann annehmen, wenn dieser die Kirche neu positioniert. Blicken wir weltweit auf religiöse Gemeinschaften, sehen wir zahllose Facetten eines Selbstverständnisses. Häufig kommt dieses nicht durch eigene Wahl, sondern durch äußere Umstände zustande. Der Patriarch von Konstantinopel ist in der staatlichen Ordnung der Türkei nicht sonderlich willkommen und schon deshalb in der Zivilgesellschaft angekommen. Für den Papst im Rang eines Staatsoberhaupts ist das viel schwieriger. Papst Franziskus weiß um den schmalen Grat, auf dem er wandelt und läßt sich davon nicht abhalten, die Kirche neu zu erfinden. Seine Kirche verliert dadurch nicht an Macht. Sie – und die anderer Religionsgemeinschaften – wird eine andere.

*****

[1] Dr. phil. Rupert Graf Strachwitz (RC Berlin) ist Direktor des Maecenata Instituts für Philanthropie und Zivilgesellschaft in Berlin und leitet dort zur Zeit ein mehrjähriges Forschungsprojekt zum Thema Religious Communities and Civil Society in Europe.

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05

Apr

2015

Warum trifft es immer die Bürger ?

Gestern waren in den Zeitungen nicht nur die letzten Erkenntnisse über die Ursachen des German-Wings-Absturzes in den Pyrenäen zu lesen, sondern auch die Schlüsse, die verschiedene Stellen daraus schon gezogen haben.

Wenn man sehr fair ist, kann man argumentieren, daß niemand außer dem Co-Piloten an dem Unglück schuld ist, daß es zu jenem unvermeidbaren Rest von Unwägbarkeiten gehört, der mit Reisen oder überhaupt mit menschlichem Handeln verbunden ist. Ist man weniger fair, könnte man schon auch die Fluggesellschaft fragen, wie ein seit langem psychisch kranker Pilot im Cockpit und mit der Verantwortung für 160 Leben alleingelassen werden kann.

Aber vor das Staatsunternehmen Lufthansa stellt sich der Bundesverkehrsminister. Die Frage nach Konsequenzen in der Führung von Lufthansa oder Germanwings stelle sich nicht, sagt er. Die bei anderen Gelegenheiten so sprachgewaltige Pilotenvereinigung Cockpit duckt sich auch weg. Eventuelle Änderungen müßten auf internationaler Ebene abgestimmt werden, wiegelt sie ab, als wenn die Solidarität der Piloten nicht auch bedeuten würde, gegenseitig mehr aufeinander zu achten. Auch andere Vereinigungen melden sich mit zaghaften Prüfungsanregungen zu Wort.

Nur für die Bürger und Bürgerinnen, gerne pauschal als Bevölkerung betitelt, hier die Passagiere, hat der Bundesinnenminister schon die richtige Konsequenz parat: mehr Kontrollen! Sie, die nun wirklich nicht das geringste zu der Katastrophe beigetragen haben, aber ohnehin schon unter der fortschreitend manischen Kontrollsucht von Behörden und anderen ächzen, zahlen wieder einmal die Zeche. Gegen sie, die mit gutem Grund wieder einmal ein Stück Vertrauen in unser Ordnungs- und Gewährleistungssystem verloren haben, richtet sich erst einmal das geballte Mißtrauen all derer, die sich doch zuallererst selber fragen müßten, ob sie alles bedacht hatten. Das ist ja auch viel einfacher. Daß das Mißtrauen unbegründet ist, daß der eigenen Systemlogik viel mehr mißtraut werden müßte, kümmert die Herrschaften nicht! Die fatalen Konsequenzen für den Zusammenhalt der Gesellschaft auch nicht. Bis diese endgültig auseinanderbricht, sind die Verantwortlichen nach eigenem Kalkül wohl schon im Ruhestand. „Quidquid agis, prudenter agas et respice finem!“, sagt ein lateinisches Sprichwort. Das Ende zu bedenken, sollten auch unsere Funktionäre wieder lernen!

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27

Feb

2015

Sicherheit oder Menschenwürde

Seit dem 11. September 2001 herrscht überall die Angst vor Terrorangriffen. Natürlich ist sie nicht ganz unbegründet; zahlreiche Anschläge auf öffentliche Einrichtungen und unbeteiligte Bürgerinnen und Bürger beweisen dies immer wieder. Ob aber die immer strengeren pauschalen Sicherheitskontrollen die Lösung sind, ist eine ganz andere Frage. Nicht nur weiß man inzwischen, daß nicht fehlende Massenkontrollen von Bürgern, sondern eine miserable Koordination von Geheimdienstinformationen die Bedingungen geschaffen hat, unter denen der Anschlag geschehen konnte. Der vollständige Verlaß auf technische Hilfsmittel ist auch nicht gerade vertrauenerweckend, zumal die eingesetzten Kontrolleure oft genug dabei ihre Privatgespräche führen und nur reagieren, wenn ein Licht aufleuchtet oder ein Tonsignal ertönt. Sicherer fühle ich mich jedenfalls durch diese Form von Kontrollen nicht. Und die ständige Eskalation – inzwischen muß man an manchen Flughäfen schon durch 4 Türen, die sich vor einem öffnen und hinter einem schließen – erzeugt eher den Eindruck von Aktionismus als von durchdachter Sorge um die Sicherheit der Bürger.

Diesem Eindruck steht das allzuoft grenzwertige Verhalten der Kontrolleure gegenüber. Die deutschen und amerikanischen zeichnen sich durch besonders rüdes Benehmen aus. Obwohl Mitarbeiter von gewerblichen Unternehmen maßen sie sich einen Ton an, den der freie Bürger selbst von einem Polizeibeamten allenfalls dann hinnehmen sollte, wenn wirklich Gefahr im Verzug ist. Im Kommandoton werden einem Befehle übermittelt, und wenn man wagt, das zu beanstanden, kann man sicher sein, daß die Kontrolle „zur Strafe“ besonders intensiv ausfällt. Nicht selten fühlt man sich in die Rekrutenzeit auf dem Kasernenhof zurückversetzt.

Die neueste Eskalationsstufe läßt sich jetzt auf dem Flughafen Köln erleben: der Körperscanner. Der Erfolg ist zunächst, daß die ganze Prozedur noch länger dauert. Man steht also noch länger in der Schlange. Ein kleines Schild, das Scannen erfolge freiwillig, ist dadurch da absurdum geführt, daß gar keine Alternative zu sehen ist. Selbst das Taschentuch muß inzwischen aus der Hosentasche entfernt werden. Dann steht man mit erhobenen Händen vor versammeltem Publikum einige Sekunden in der durchsichtigen Trommel. Aber beendet ist das Ganze damit nicht. Denn offenbar nützt der Scanner nichts: Jeder muß nachher noch mit dem Handgerät abgetastet werden. Und natürlich darf das klassische Entwürdigungsritual nicht fehlen: die Aufforderung, auf einem Bein zu stehen. Die öffentliche Entkleidung scheint eigentlich nur noch eine Frage der Zeit zu sein.

Zunehmend haben wir es nicht mehr mit einem Sicherheitsproblem zu tun, sondern mit einer pathologischen Sicherheitsmanie – und einem ernsthaften Menschenrechtsthema. Es kann doch nicht sein, daß jede Bürgerin, jeder Bürger unablässig unter dem Generalverdacht steht, ein Terrorist zu sein – was immer das auch ist. Wenn ich mich als namentlich und von Angesicht bekannter, durch ein amtliches Dokument ausgewiesener und persönlich eingeladener Gast eines Botschafters oder Regierungsmitglieds beim Eintreffen erst einmal von dem Verdacht reinigen muß, ich wolle meinen Gastgeber umbringen, dann ist das doch rational nicht mehr nachzuvollziehen.

Aus früheren Zeiten wissen wir, daß hohe Herren und Damen stets von Herolden, Bannerträgern, Vorkosterrn, bewaffneten Kammerherren und Leibgardisten umgeben waren. Ihre Zahl und Aufmachung sagte etwas über die Macht und Pracht aus. Kann es sein, daß Bodyguards und Sicherheitsschleusen eher diese Aufgabe haben? Könnte es sein, daß der 9. September auch Anlaß bot, im demokratischen Staat derlei Insignien der Macht wieder hervorzukehren – noch dazu inflationär? Kaiser Wilhelm II. konnte allein vom Berliner Schloß zum Hotel Adlon spazieren. Heute braucht bald jeder Staatssekretär, und wenn er noch so unbekannt ist, den ganzen teuren Sicherheitskordon um sich herum. Und kann es sein, daß der ganze Kontrollfetischismus an Flughäfen und sonstwo eher dazu dient, den Bürger die Allmacht des Staates spüren zu lassen als tatsächlich mehr Sicherheit zu produzieren?

Es wäre jedenfalls schön, wenn sich unsere Parlamentarier gelegentlich mit derlei Auswüchsen beschäftigen würden, anstatt sich alle Bären aufbinden zu lassen, die Ihnen unsere Sicherheitsfanatiker aufbinden wollen.

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17

Jun

2014

Das Eigentor des Europäischen Parlaments

Vor der Neuwahl hat das Europäische Parlament auf Betreiben seines Präsidenten Michael Schulz einen weitreichenden Beschluß gefaßt: der künftige Präsident der Europäischen Kommission solle vom neu gewählten Parlament mit der dort dann vorhandenen Mehrheit gewählt werden. Die großen Fraktionen benannten Spitzenkandidaten – Martin Schulz und Jean-Claude Juncker – und alle gingen mit der Formel in den Wahlkampf, nur einer dieser beiden sei wählbar. Daß dies den Wahlkampf sonderlich belebt hätte, kann man nicht behaupten. Die Fernsehduelle zeichneten sich dadurch aus, daß die Positionen der Kandidaten kaum zu unterscheiden waren. Im Nachhinein aber ist ein Katzenjammer erkennbar, der viel schwerer wiegt.

Auch durch Parlamentsbeschluß läßt sich die einfache Tatsache nicht aus der Welt schaffen, daß die EU (noch!) kein hoheitlicher Organismus eigenen Verfassungsrechts, sondern ein supranationales Vertragswerk ist, in welchem die Vertragspartner, sprich die Nationalstaaten, vertreten durch ihre Regierungen, die Macht über den Vertrag haben. Diese Macht üben sie im Rat aus. Die Kommission ist die durch Vertrag eingesetzte Hüterin der Verträge, aber letztlich vom Rat abhängig und nicht vom Parlament, der letztlich im wesentlichen eine Konsultativfunktion besitzt. Die Wahl des Präsidenten der Kommission hat zu diesem Grundsystem insofern eine Ausnahme geschaffen, als dieser vertragsgemäß auf Vorschlag des Rats vom Parlament zu wählen ist, und zwar unter Berücksichtigung der Mehrheitsverhältnisse.

Was also das Parlament tatsächlich beschlossen hat, ist, das nächste Parlament würde alle Vorschläge zurückweisen, die nicht mit der getroffenen Festlegung übereinstimmen, dem Ergebnis der Wahl folgend also nicht Juncker heißen. Dies ist nicht nur deshalb problematisch, weil nach unserem Demokratieverständnis kein Parlament das nächste in dieser Form binden darf. Nicht das letzte, sondern das jetzige Parlament hat die Wahl zu treffen. Es ist auch deswegen problematisch, weil es unpolitisch ist. Wer letztlich der Präsident sein wird, kann nur Ergebnis eines politischen Prozesses sein. Im nicht unkomplizierten Machtgefüge der EU konnte es noch nie und kann es auch in diesem Prozeß keine Präjudizien geben. Mit Präjudizien stärkt der ohnehin schwächere Partner seine Position nicht, sondern schwächt sie zusätzlich, denn er kommt von dem Baum, auf den er geklettert ist, dann nicht mehr runter.

Die Chancen, daß Herr Juncker tatsächlich Präsident der Kommission wird, sind inzwischen minimal, was nicht nur an der politischen Konstellation, sondern schon auch an seiner Persönlichkeit (deren Verdienste um Europa unbestritten sind) liegt. Am Ende des Tages wird also das Parlament nachgeben müssen – und wird, wie es bei einem Sturz nun einmal ist, geschwächt zurückbleiben. Es wäre daher sicher klüger gewesen, sich ein anderes Thema zu suchen, um den – in der Sache unbedingt notwendigen – Machtkampf mit dem Rat zu führen. Der Vorstoß von Martin Schulz war ein Eigentor. Das hätte er als erfahrener Parlamentarier eigentlich wissen müssen.

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19

Mai

2014

Zum Tod von Hans Peter Dürr

1988 lernte ich einen bemerkenswerten Mann kennen: Hans Peter Dürr. Er war eigentlich ein bedeutender Physiker, Schüler und Nachfolger von Werner Heisenberg, lange Jahre Direktor des Max-Planck-Instituts für Physik. In dieser Eigenschaft hätte ich kaum mit ihm sprechen können. Darum ging es auch nicht, als wir uns das erste Mal begegneten. Er hatte sich damals als aktives Mitglied der Friedensbewegung einen Namen gemacht, war mit dem Alternativen Nobelpreis ausgezeichnet worden und hatte eine Organisation gegründet, die er ‚Global Challenges Network‘ nannte. Nun hatte er die Idee, im kleinen Kreis regelmäßig über die wichtigtsen Fragen zu sprechen, die uns bedrängten, und ich bot ihm dafür meine Wohnung an – unter der Bedingung, daß es nie mehr als 10 Teilnehmer sein sollten. Daraus entstand eine Gruppe, die wir unseren Think Tank nannten. Wir trafen uns drei- bis viermal im Jahr, rund zehn Jahr lang. Meistens hatten wir einen Gast, immer hatten wir ein Thema. Nichts von dem, was wir besprachen, war unmittelbar für die Öffentlichkeit bestimmt. Besonders die Gäste konnten ganz sicher sein, daß die Vertraulichkeit gewahrt wurde, auch wenn sich jeder ein paar Notizen machte.

Es kam nicht darauf an, welche Disziplin jemand vertrat, schon gar nicht, wo er oder sie politisch stand oder welchen Bekanntheitsgrad jemand hatte. Es kam nur darauf an, ob man etwas zu sagen hatte und ob man bereit war, sich nachdenklich auf einen Diskurs einzulassen. Zu den Gästen gehörten Unternehmer ebenso wie Theologen, Wissenschaftler ebenso wie Praktiker. Zu den regelmässigen Teilnehmern gehörte besipielsweise Otto Schily. Als Hausherr hatte ich die Ehre, die Treffen zu moderieren, aber der, der sie inhaltlich führte, war Hans Peter Dürr.

Über eines waren wir oder wurden wir uns schnell einig: Es war höchste Zeit, konventionelle Pfade des Denkens zu verlassen und in ganz neuen Begriffen, Kategorien und Visionen darüber nachzudenken, wie eine zukünftige Welt gestaltet werden müsse, damit sie eine Überlebenschance hätte. Über alles andere waren wir uns keineswegs immer einig, aber die Gespräche formten unser Denken. Ich denke, es ging den anderen ebenso wie mir: Wir haben unglaublich viel gelernt und viele, viele Denkanstöße bekommen, ganz besonders von Hans Peter, der die Fähigkeit besaß, Menschen dort abzuholen, wo sie standen, der im Kern kompromißlos, aber nie rechthaberisch, sondern immer verbindlich war und der komplizierte Sachverhalte ohne Abstriche in einfache und nachvollziehbare Bilder herunterbrechen konnte. Dadurch wurde er zum Lehrmeister, auch, weil er immer versuchte, die andere Position zu verstehen.

Es waren die Jahre, in denen auf der ganzen Welt damit begonnen wurde, darüber nachzudenken, wie das 21. Jahrhundert sinnvollerweise gestaltet werden sollte. Die verwegene Theorie, durch den Sieg über den Kommunismus sei die Geschichte gewissermaßen an ihr Ende gelangt, war nicht nachzuvollziehen. In vielen, vielen Zirkeln, in sehr persönlichen Gesprächen mit den wichtigsten Entscheidungsträgern diesser Welt und auf vielen Internationalen Konferenzen war Hans Peter dabei – und war sich doch nie zu gut dafür, auch in sehr viel bescheideneren Zusammenhängen zu sprechen, zu erklären, zu diskutieren, ohne je die Geduld mit denen zu verlieren, die nicht verstehen wollten, was ihn bewegte. All das trug er nicht zuletzt in unseren Think Tank hinein, und wir profitierten davon, als Gruppe und jeder von uns für unser Leben und Denken, so, wie viele, viele andere auch. Mich jedenfalls und mein Leben hat er und haben diese Gespräche geprãgt.

Als ich nach Berlin ging, löste sich de Kreis allmählich auf. Versuche, ihn neu und anders weiterzuführen, wollten nicht recht gelingen, was gewiß nicht an mir lag, eher daran, daß alles seine Zeit hat. Der Kontakt zwischen uns wurde loser, brach aber nie ab. Zu meiner Freude steuerte er zu einem Buch, das ich 1998 herausbrachte, ein wichtiges Kapitel bei: über Netzwerke und Zivilgesellschaft, beides damals noch ganz neue Begriffe, ihm waren sie wichtig!

Am 18. Mai 2014 ist Hans Peter Dürr im Alter von 84 Jahren gestorben. Wie viele andere trauere ich um ihn. Mit diesem Mann befreundet gewesen zu sein, war und ist mir eine Ehre.

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