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20

Mai

2016

Kirchen erfinden sich neu

Anmerkungen zum Besuch der Kirchenoberhäupter auf Lesbos

von Rupert Graf Strachwitz[1]

Auf den ersten Blick erscheint es unsinnig zu behaupten, Kirchen würden sich neu erfinden. Sie sind – besser, das Christentum ist – die Stiftung Jesu Christi: Von ihm hängen alle christlichen Gemeinschaften ab wie jede Stiftung von ihrem Stifter. Besonders die katholische Kirche betont immer wieder, welch hohen Rang die gewachsenen Traditionen der 2000 Jahre alten Kirche für sie haben. Und so reiben sich Katholiken die Augen, wenn sie Papst Franziskus in Aktion beobachten. Beim Reiben der Augen bleibt es nicht. In konservativen Kreisen kursiert der Spruch: „Dies ist nicht unser Papst.“ Für die meisten Katholiken allerdings ist er das mehr als seine Vorgänger, und nicht nur für sie. Jahrhundertelang überzogen sich die Häupter der Ost- und der Westkirche mit Bannbullen. Es ist gerade 50 Jahre her, daß Papst Paul VI. erstmals den Patriarchen von Konstantinopel besuchte. Solches ist inzwischen in beiden Richtungen ständige Übung geworden. Aber wer hätte noch vor wenigen Jahren gedacht, daß Patriarch und Papst und das Oberhaupt der lange für ihre anti-römische Haltung bekannten orthodoxen Kirche in Griechenland zusammen in Lesbos unter den muslimischen und christlichen geflüchteten Menschen stehen, mit ihnen sprechen und gemeinsam, in der modernen Form der Erklärung, den Bannstrahl gegen die europäischen Regierungen schleudern würden, die sich ihrer nur ungenügend annehmen? Gegen die Regierungen, die die Werte des Abendlandes beschwören, die angeblich christlich geprägt sind?

 

Die Einheit der christlichen Kirche hat es nie gegeben. Schon die Apostel stritten mit Paulus darüber, was Jesus gemeint haben könnte. Die Kirchen des Protestantismus sind ein Beispiel dafür, wie neue Konzepte von der Ordnung dieser Welt auch auf die religiösen Gemeinschaften ausstrahlen und neue Überlegungen dazu provozieren. Seit dem 20. Jahrhundert wird im Bewußtsein, daß nicht nur die Menschen zu einer Weltgesellschaft zusammenwachsen, sondern auch daß ein Krieg die Erde auslöschen kann, zu Recht und noch viel stärker darüber nachgedacht, daß nicht der Besitz der Wahrheit, sondern die Suche nach ihr den Wesenskern von Religion darstellt und daß schon deshalb Berührungsängste unter Christen, ebenso aber auch mit Muslimen, Juden und Buddhisten keinen Sinn ergeben – von Kriegen um der Religion willen ganz zu schweigen. Daß es in jeder Religionsgemeinschaft noch immer Menschen gibt, die das nicht wahrhaben wollen, die sich nicht nur im alleinigen Besitz der Wahrheit wähnen, sondern diese auch noch mit einem politischen Machtkonzept verknüpfen und mit militärischen Mitteln durchzusetzen versuchen, ändert nichts daran, daß sie aus der Zeit gefallen sind. Es ist eben nicht so, wie gelegentlich behauptet wird, daß eine aggressive Religion in manchen Weltgegenden auf dem Vormarsch oder daß der in Europa mühsam erkämpfte säkulare Staat in der Defensive ist. Was wir erleben, sind Rückzugsgefechte gegen die ebenso notwendige wie vollständige Neubestimmung der Grundsätze des Zusammenlebens der Menschen. Diese entspringen der Angst vor dem Neuen, aber auch davor, daß die Hüter der überkommenen Ordnung, ob nun Autokraten oder demokratisch gewählte Regierungen, den Übergang nicht schaffen könnten. Das werden sie auch nicht – jedenfalls nicht allein. Denn wir erleben auch, daß der moderne Staat bei der Gestaltung einer neuen Ordnung versagt. Die globale Welt des 21. Jahrhunderts entsteht vielmehr in einem Zusammenspiel neuer Art von zahlreichen gleichrangigen und sehr verschiedenen Akteuren.

 

In dieser Situation können sich Religionsgemeinschaften mit den Ängstlichen oder mit den Neuerern positionieren. Jene finden sich vielfach in den herrschenden Eliten, den Verwaltungen, im „politisch-administrativen System“. Diese hingegen sind eher unter den Akteuren der Zivilgesellschaft anzutreffen, die zwar vielfach auch Mißstände anprangern, noch häufiger aber an konstruktiven Lösungen arbeiten. Die kleinen Pflanzen, die sie an den grass roots einsetzen, beginnen, sich zu entfalten und Frucht zu tragen. Es steht gewiß nicht alles zum besten in dieser Welt, und die Herausforderungen, denen wir mit Lösungen begegnen müssen, übersteigen vielfach in ihrer Tragweite unsere Vorstellungskraft. Aber immer wieder wird auch Hoffnung erkennbar. Manches an Verletzungen von Menschenwürde, Korruption, Schädigung anderer Menschen und Respektlosigkeit, das noch vor wenigen Jahren weithin akzeptabel war, ist es heute nicht mehr. Zumindest findet sich meist recht schnell ein zivilgesellschaftlicher Akteur, der darauf hinweist. Und immer häufiger sind die Verwalter der Ordnung darauf angewiesen, mit solchen Akteuren zusammenzuarbeiten, um konkrete Lösungen anbieten oder Maßnahmen ergreifen zu können. Noch vor wenigen Jahren wurde Zivilgesellschaft gern mit Anführungsstrichen geschrieben, Ausdruck der Herablassung und Geringschätzung. Die Betreuung von einer Million geflüchteter Menschen hat dem in Deutschland erst einmal ein Ende gemacht.

 

Zu den sichtbaren und hörbaren Akteuren gehören schon immer Menschen mit religiöser Motivation. Inzwischen gehören immer häufiger die Kirchen und andere Religionsgemeinschaften selbst dazu. Sie schlagen sich auf die Seite der Neuerer. Kirchenasyl ist beispielsweise aktuell. Die Bischöfe, lange Zeit Stützen des Systems, stellen sich schützend vor ihre Pfarrer – auch gegen einen Bundesfinanzminister, der davon spricht, die Kirchen seien doch vor allem für „Seelsorge, Gebet und Liturgie“ zuständig. „Fromm zu sein, heißt politisch zu sein“, schleudert ihm Bischof Bedford-Strohm, Ratsvorsitzender der EKD, entgegen.

 

Die Religionsgemeinschaften, so scheint es, sind auf dem Weg in die Zivilgesellschaft – und schon ziemlich weit vorangekommen: eine Neuerfindung fürwahr, nach 1.700 Jahren als anerkannte Ordnungsmacht. Zu messen ist dies immer weniger an ihrem formalen Status und immer mehr an ihrem Selbstverständnis. Es geht ihnen nicht mehr um eine zu erkämpfende Einheit, auch nicht mehr darum, die letzten Getreuen um sich zu scharen, sondern um das respektvolle Einbringen von spezifischen wichtigen Einsichten und Stärken in die ebenso spannenden wie komplizierten Gestaltungsprozesse einer Ordnung, die für das 21. Jahrhundert nach Christus taugt. Dies fordert auch denen Respekt ab, die der Kirche mit Distanz begegnen, durchaus religiös sind, aber sich in den traditionellen Kirchen nicht aufgehoben fühlen, und denen, die, wie Max Weber (1909) und später Jürgen Habermas es ausdrückten, „religiös absolut unmusikalisch“ sind. In einem zivilgesellschaftlichen Kontext erscheint ihre Wächterrolle in ethischen Grundfragen nicht mehr anmaßend, sondern als Ausdruck eines legitimen subjektiven Gemeinwohlverständnisses.

 

60 Millionen Menschen, die weltweit auf der Flucht sind, lehren uns vieles, unter anderem, wie leicht es ist, Werte wie Freiheit und Zustände wie Wohlstand miteinander zu verquicken. Menschenwürde als universales Prinzip, Respekt als Grundhaltung auch dort durchzusetzen, wo weder Freiheit noch Wohlstand zu finden sind, erscheint viel schwieriger. Das zu schaffen, kann nur mit einer starken Zivilgesellschaft gelingen, die ihre spezifische Gestaltungsmacht einsetzt. Es ist gut, wenn die Kirchen dabei sind; mit ihnen wird die Zivilgesellschaft nicht legitimer, als sie ohnehin schon ist, aber stärker. Kirchen haben in diesem Kontext eine Botschaft.

 

In der evangelischen Kirche ist schon seit einiger Zeit eine Diskussion darüber im Gange, inwieweit die Kirche eine Anstalt oder eine Vereinigung darstellt, sie also hierarchisch oder heterarchisch zu verstehen ist – ein weiter Weg von Luthers Staatskirchenverständnis. Von den Katholiken, die bisher ihre Papst- oder Kirchentreue stets und lautstark betonten, wird ein Umdenken eingefordert. Einer zivilgesellschaftlichen Organisation ist gewiß nicht vorzuschreiben, wie sie nach innen strukturiert ist. Die römische Kirche kann ebenso dazu gehören wie eine ganz von den Mitgliedern her bestimmte Glaubensgemeinschaft. Sie kann und wird wohl künftig zivilgesellschaftlich agieren. Wer mit Überzeugung katholisch ist, wird die Führung durch den Papst auch dann annehmen, wenn dieser die Kirche neu positioniert. Blicken wir weltweit auf religiöse Gemeinschaften, sehen wir zahllose Facetten eines Selbstverständnisses. Häufig kommt dieses nicht durch eigene Wahl, sondern durch äußere Umstände zustande. Der Patriarch von Konstantinopel ist in der staatlichen Ordnung der Türkei nicht sonderlich willkommen und schon deshalb in der Zivilgesellschaft angekommen. Für den Papst im Rang eines Staatsoberhaupts ist das viel schwieriger. Papst Franziskus weiß um den schmalen Grat, auf dem er wandelt und läßt sich davon nicht abhalten, die Kirche neu zu erfinden. Seine Kirche verliert dadurch nicht an Macht. Sie – und die anderer Religionsgemeinschaften – wird eine andere.

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[1] Dr. phil. Rupert Graf Strachwitz (RC Berlin) ist Direktor des Maecenata Instituts für Philanthropie und Zivilgesellschaft in Berlin und leitet dort zur Zeit ein mehrjähriges Forschungsprojekt zum Thema Religious Communities and Civil Society in Europe.

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